„Essay meint mitunter Erwägen, die unabgeschlossene fragende Suche, die nicht das Ewige im Vergänglichen aufspüren, sondern eher das Vergängliche verewigen will“
                                  (Theodor W. Adorno)

Unter einem Essayfilm versteht man eine Filmgattung, die dem literarischen Essay sehr nahe steht. Für die essayistische Form ist der Zugang zu einem Thema entscheidend. Die Haltung des Filmemachers spielt eine wichtige Rolle, dementsprechend ist dieses Genre geprägt von Subjektivität, Originalität und Reflexion. In diesem Sinne ist der Essayfilm stark von der Autorenschaft durchdrungen.

Dabei kann ein Essayfilm sowohl dokumentarischen als auch fiktiven Inhalts sein, selbst hybride Mischformen der Genres stellen keine Seltenheit dar. In diesem Zusammenhang ist oftmals der intendierte Bruch mit einer vermeintlich objektiven Wirklichkeitsrepräsentation im Film zu beobachten. Während die herkömmliche filmische Narration die Komplexität der Realität zu reduzieren versucht, negiert der Essayfilm das Vorhandensein einer objektiv vermittelbaren Realität und Wahrheit und versucht gerade die Komplexität erfahrbar zu machen. Dafür überwindet er die klassischen Konventionen des Filmemachens wie z.B. Linearität, Kohärenz und Kausalität.
Die filmischen Mittel, die hierfür zum Einsatz kommen, sind mannigfaltig und hängen vom Filmemacher ab. Charakteristisch für Brüche in der Kontinuität der Erzählform sind beispielsweise Wiederholungen, Permutationen, Fragmentarisierungen oder assoziative Bildanordnungen. Gerade über die Montage der Bilder werden neue Deutungsmöglichkeiten generiert, z.B. indem sie rekontextualisiert werden. Dadurch kann es dem Filmemacher gelingen das behandelte Thema multiperspektivisch zu erfassen.

Auch das Verhältnis von Bild und Ton ist im Essayfilm sehr spezifisch. Die Tonebene ist von hoher Relevanz. Der Ton kann in manchen Fällen komplett autonom vom Bildmaterial wahrgenommen werden. Text soll die Bilder nicht erläutern, sondern trägt zu einer Vervielfältigung der Bedeutung bei. Die beiden unabhängig voneinander bestehenden Arrangements sollen gemeinsam etwas Neues gestalten, bzw. vom Zuschauer in einen neuen Gesamtzusammenhang gebracht werden.

Der Essayfilm zeichnet sich ferner durch seine Multimedialität aus. Häufig werden Fotos, Briefe, Footage, Kunstwerke oder Zitate collagenartig mit einbezogen. Dadurch reflektiert der Film seine eigene Medialität, diese Selbstreferentialität ist ebenfalls ein wichtiger Bestandteil des essayistischen Schaffens. Gleichsam findet durch die intertextuellen Bezüge eine Auseinandersetzung mit überlieferten kulturellen Wissensbeständen statt, die eingebunden in den jeweiligen Essayfilm ebenfalls zu einer Sinnkomplexion führen.

Dem Zuschauer liefert der Essayfilm keine evidente vorgefertigte Deutung des Gesehenen. Vielmehr wird er in den filmischen Diskurs einbezogen, denn nur durch seinen kulturellen Wissensstand und seine persönliche Interpretation gilt das Werk als vollendet.

Weiterführende Literatur:
Blümlinger, Christa & Christian Wulff: Schreiben Bilder Sprechen. Texte zum essayistischen Film. Wien I992
Meyer, F.T.: Filme über sich selbst. Strategien der Selbstreflexion im dokumentarischen Film. Bielefeld 2005
Möbius, Hanno: Montage und Collage. Literatur, bildende Künste, Film, Fotografie, Musik, Theater bis I933. München 2000
Rascaroli, Laura: The Personal Camera – Subjective Cinema and the Essay Film. London 2009
Scherer, Christina: Ivens, Marker, Godard, Jarman – Erinnerung im Essayfilm. München 200I