Im Zentrum dieser Denkprozesse steht die Protagonistin, die stetig den schmalen Grad zwischen Rationalität und Irrationalität, Wirklichkeit und Traum beschreitet. Sie macht nicht nur eine kognitive Reise in die Gedankenwelt, sondern betritt sie ganz plastisch. Das Raumkonzept des Films unterteilt dichotom in ein „Innen“ und ein „Außen“.
Der Innenraum steht für die reale Welt, in der die Protagonistin verortet ist. Sie bildet die Ausgangssituation für die Denkanstöße und dorthin holt sich die Protagonistin zurück, wenn sie aus den Gedanken ausbrechen will. Die Natur hingegen steht für die Gedankenwelt, sie ist ein symbolischer Raum, der durchschritten werden kann. Durch die Natur werden Gedanken, als abstrakte Größe, sinnlich wahrnehmbar. Der Innenraum ist vom Menschen konstruiert und beschränkt ihn physisch, die Natur versinnbildlicht hingegen einen wilden unbegrenzten Raum – so wie Gedanken im Grunde keine Grenzen gesetzt sind.
In der Schlangen-Szene werden beide Räume artifiziell verbunden, die Grenzen zwischen dem Realen und Erdachten verwischen. Damit einher geht die Gefahr des Abdriftens, des sich Verlierens in irrealen Wunschvorstellungen. Das Wiegenlied indiziert aber auch eine kindliche Realität in der die Phantasie oftmals nicht minder real als die Wirklichkeit ist. Ein Spannungsverhältnis wird hier heraufbeschworen, das sich sowohl destruktiv als auch bereichernd auswirken kann.
"Der Traum enthält etwas, das besser ist als die Wirklichkeit, die Wirklichkeit enthält etwas, das besser ist als der Traum. Vollkommenes Glück wäre die Verbindung beider." (Nikolajewitsch Leo Tolstoi)
In dem wir uns nicht mit den Inhalten der Gedanken sondern mit den Denkprozessen befassen, bewegen wir uns in einer allgemeingültigen Sphäre. Diese Prozesse sind Universalia, die alle Menschen gleichermaßen betreffen. Dafür steht auch das Schlussbild, in dem die Protagonistin als eine von vielen im Meer der Gedanken treibt. Gleichzeitig sind Denken und persönliches Erleben durchweg individuell, so erhascht der Zuschauer einen Einblick in die Psyche der jungen Frau, ihr Seelen- und Gefühlsleben. Gedanken und Emotionen wühlen sie auf und führen sie in ihr Unterbewusstsein. Sie scheinen letztlich für sie selbst fast ebenso unergründbar zu sein, wie für uns.
Dem entgegengestellt ist der fortwährende Versuch sich in das „Hier & Jetzt“ zurückzuholen, wieder zu rationalisieren und sich irrationalen Aengsten oder einer idealisierten Scheinwirklichkeit zu entziehen. Ein Ansatz den Rationalisierungsprozess zu visualisieren, stellt der Einschub der Neuronen-Sequenz dar. Wie ein Fremdkörper steht das nicht selbstgedrehte Filmmaterial antithetisch dem persönlichen Erleben der Protagonistin gegenüber. Sie versucht, durch das Wissen um die Determiniertheit des persönlichen Erlebens durch neurophysiologische Prozesse, ihre Gedanken und Gefühle der Vernunft unterzuordnen.
Problematisch ist das Scheitern der Rationalisierungsbemühungen dann, wenn die Einsicht über die Irrationalität und Irrealität der Gedankenbilder fehlt und die Grenzen verwischen. Das abschließende Bild ist in dieser Hinsicht sehr offen für Interpretationen. Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob der Sprung ins Wasser das endgültige Abtauchen in die Gedankenwelt, eine Befreiung von der Schwere der Gedanken durch das kühle Nass oder gar den Freitod bedeutet.